Ein Stück Papier von seinem oberflächlichen Schicksal zu befreien und dabei sich selbst entfalten - das ist die Faszination Origami. Man bereitet immer und überall Freude - sich selber und Anderen.


Über Origami

Ein Text von Paulo Mulatinho

OHNE PAPIER KEIN ORIGAMI - DIE GESCHICHTE DES WERKSTOFFS
Es wird angenommen, dass die Art und Weise wie die Wespen ihre Nester bauen - nämlich Holzfasern mit Speichel zu einem Brei zu vermischen – vor über 2000 Jahren die ausschlaggebende Inspiration für die Chinesen zur Herstellung von Papier war. Es gelang ihnen, ihre Entdeckung bis zum Jahre 751 geheim zu halten. Genau in diesem Jahr wurden die Papiermacher aus dem Reich der Mitte von Arabern gefangen genommen, von denen sie gezwungen wurden, ihr Wissen zu teilen. Die Rezeptur für die Papierproduktion trat ihre Reise um die Welt an, wurde von Volk zu Volk transferiert und erreichte im Mittelalter schließlich auch Europa.


PAPIER - WIRKLICH NUR EIN SCHRIFTTRÄGER?
Natürlich wurde das Papier in erster Linie als Schriftträger gesehen und geschätzt. Ich bin aber der Überzeugung, es wurde erfunden um zu falten. Es muss einfach so gewesen sein. Wozu hätte man sonst all diese schönen Papierbögen herstellen sollen? Um Boulevard Zeitschriften zu drucken? Oder Hamburger einzuwickeln? Wohl kaum. Ich glaube, um eines Tages Origami falten zu können. Es ist natürlich meine Begeisterung für die Kunst des Papierfaltens, die mich zu diesem zugegeben sehr subjektiven Schluss kommen lässt. Allerdings geben mir die Japaner Recht. Sie falteten schon vor langer Zeit viele schöne Dinge aus Papier. Zunächst ausschließlich für religiöse Anlässe, doch später entwarfen sie Tiere, Schachteln und verschiedenste Figuren aus Papier, etwa um das Haus zu dekorieren oder die Kinder während der strengen Winter zu beschäftigen. Diese Tradition wurde von den Familien gepflegt, die Faltanleitungen der Figuren von Generation zu Generation übermittelt. Heute lässt sich das filigrane Umgestalten eines einfachen Blattes mit keinem anderen Land seiner Kultur schöner verbinden als mit Japan.


ORIGAMI - VIEL MEHR ALS NUR EINE BASTELARBEIT
Die traurige Geschichte von Sadako Sasaki verdeutlicht die enorme Bedeutung, die Origami in Japan hat. Im Alter von zwei Jahren überlebte das Mädchen den Einschlag der Atombombe, die am 6. August 1945 um 8.15 Uhr über Hiroshima abgeworfen wurde. Zehn Jahre später erkrankte sie auf Grund der erlittenen Strahlung an Leukämie. Im Krankenhaus faltete sie Kraniche – „Zuru“. Einer japanischen Legende nach lebt der Kranich tausend Jahre. Ein kranker Mensch werde wieder gesund, wenn er tausend Kraniche falte, so heißt es. Sadako starb im Krankenhaus, als sie gerade 644 Kraniche gefaltet hatte. Ihre Freunde und Schulkameraden falten den Rest und die Tausend Kraniche – „Senbazuru“ - wurden Sadako mit ins Grab gelegt. Das „Hiroshima Peace Memorial Museum“ im „Friedenspark“ erinnert an das enorme Ausmaß der Katastrophe. Dort steht neben zahlreichen Mahnmalen auch das Denkmal der kleinen Sadako. Es wurde 1958 in Gedenken an alle durch die Bombe gestorbenen Kinder errichtet. Es zeigt das Mädchen, wie es hoch über ihrem Kopf einen Kranich hält. Jeden Tag werden Tausende dieser Papiervögel aus der ganzen Welt nach Hiroshima geschickt und dort unter dem Denkmal ausgebreitet. So wurde der gefaltete Kranich zum Symbol für Frieden und Hoffnung.


PAPIER IN EUROPA - EINE EIGENE TRADITION
Historiker, die sich mit der Geschichte des Papierfaltens beschäftigen, sehen es als erwiesen an, dass es völlig unabhängig von der japanischen Tradition auch eine europäische Tradition gibt. So gehört das Faltmodell „Pajarita“ in Spanien zur Volkskultur. Weil sie so beliebt ist, wurden ihr zu Ehren sogar Denkmäler in Huesca und Barcelona errichtet. Dem Spanier Vicente Palácios, Gründer der „Asociacion Espanola de Papiroflexia“, sind viele Informationen über die europäische und speziell die spanische Geschichte des Origami zu verdanken. Bei seinen Recherchen stieß er auf Hinweise auf kunstvoll gefaltetes Papier, die bis in die Zeit der Mauren zurückreichen. Wer übrigens eines von Palácios’ zahlreichen Origamibüchern studiert, findet neben den Faltschemata auch meistens Informationen zur Geschichte des Papierfaltens.


RANDFIGUREN
Auch in unspezifischer Literatur finden sich interessante Hinweise auf das kreative Gestalten durch das Falten. Philipp Harsdörffers „Trincir Buch“ von 1657 zum Beispiel ist eigentlich eine Art Lehrbuch über die Tisch-Kultur der Neuzeit. Es enthält Anweisungen für die korrekte Zubereitung der Nahrungsmittel, sowie für die standesgemäße Präsentation der zubereiteten Gerichte. Unter anderem sind aber auch verschiedene Arten von Serviettenfaltungen abgebildet. Einige Servietten sind sehr anspruchvoll gefaltet, andere eher minimalistisch - fast modern.
Ein weiteres Beispiel für nebensächliche, aber bemerkenswerte Faltarbeiten in der Historie, lieferte mir Rudolf Goerge, Kreisheimatpfleger des Landkreises Freising: „Patenbriefe gehören zur volkstümlichen Gebrauchsgraphik und sind entweder handgeschriebene, kalligraphisch schön gestaltete oder gedruckte Gedenkblätter, die die Taufpaten den ihnen anvertrauten Täuflingen bei der christlichen Taufe übergeben haben. In ihnen war auch das Patengeschenk eingewickelt und mit einem Band verschnürt. Weiteste Verbreitung fanden schließlich im 18.Jahrhundert die quadratischen Faltbriefe, die eine Seitenlänge von ungefähr 14 cm aufweisen und die schlechthin den Namen„Patenbrief“ bekamen. Das älteste Exemplar dieser„klassischen“ Patenbriefe stammt aus dem Jahr 1727.“


DER KINDERGARTEN - ORT DER KREATIVITÄT UND DES VERSTEHENS
Für einen Teil der Entwicklung europäischer Falttradition sorgte im Jahr 1840 ein junger Pädagoge namens Friedrich Fröbel (1782-1852). Fernab von Japan, nämlich im Thüringer Wald, rief er eine spezielle Ausbildungsstätte für Kinder ins Leben, die er Kindergarten nannte. Eines der Mittel, die er einsetzte, um die Fähigkeiten der Kinder zu fördern, war das Papierfalten. Zahlreiche Figuren entstanden in dieser Zeit. Die meisten Modelle waren geometrischer Natur, um den Kindern ein Gefühl für Genauigkeit und Proportionen zu vermitteln. Aus dieser Zeit stammt auch Himmel und Hölle, ein Modell, das wohl fast jeder kennt.
Fröbels Kindergarten-Konzept wurde 1878 auf der Weltausstellung in Paris vorgestellt und anschließend in der ganzen Welt übernommen – auch in Japan. Erstaunlich: So wie es für das Wort „Kindergarten“ bis heute keinen Terminus in der Landessprache gibt, so musste in Nippon auch für Fröbels ausgeklügeltes pädagogisches Mittel erst ein Wort erfunden werden. Die Japaner machten es sich einfach, Origami heißt wörtlich übersetzt nichts anderes als „Papier falten“ (ori = falten, Kami = Papier). Fakt ist, dass sich die knifflige Beschäftigung mit einem Bogen Papier nach der Vorstellung des Kindergarten-Konzepts in Paris nicht nur in Japan wieder wachsender Beliebtheit erfreute.
Im Fröbelmuseum gibt es kleine Schachteln mit Faltmustern, die der Pädagoge selber gefaltet hat. Im Laufe der Jahre war der Inhalt etwas durcheinander geraten. Während eines Aufenthalts in Bad Blankenburg hatte dann Thoki Yenn, ein dänischer Künstler, der in Fachkreisen als „Personifizierung“ des Origami gefeiert wird, diese Muster studiert und anhand von Unterlagen wieder in der richtigen Zusammensetzung den einzelnen Schachteln zugeordnet. Minna Schellhorn, eine von Fröbels Schülerinnen, hat wie alle Kindergärtnerinnen während ihrer Ausbildung eine Mappe angelegt, in denen sorgfältig die Faltübungen dargestellt sind, die sie später den Kindern übermitteln sollte. Dieses Leporelloalbum ist ebenfalls in dem Museum ausgestellt, sehr gut erhalten und ein aussagekräftiges Zeugnis der langen Falttradition in Deutschland.


ORIGAMI IST SCHON LANGE KEINE KINDERBESCHÄFTIGUNG MEHR
Pädagogen, Architekten, Künstler und Wissenschaftler nutzen das Falten für berufliche Zwecke. Internationale Kongresse wie „Origami Wissenschaft und Technik“ - 1989 in Italien und 1994 in Japan, und „Origami in Erziehung und Therapie“ 1991 in London und 1995 in den USA bieten den Teilnehmern die Möglichkeit, ihre Erfahrungen und Erkenntnisse auszutauschen. Apropos Austausch. Im Jahr 2000 habe ich an dem Bauhaus Kolleg „Complex City“ teilgenommen. Ideen schnell zu Modellen zu falten ist für Architekten ein probates Mittel und ich half mit, neue Einfälle zu visualisieren. Das Bauhaus nimmt in der Geschichte von Kultur, Architektur, Design, Kunst und neuen Medien des 20. Jahrhunderts eine besondere Rolle ein. Als eine der ersten Hochschulen für Gestaltung führte es eine Reihe der herausragenden Architekten und Künstler seiner Zeit zusammen und war neben pädagogisch innovativer Ausbildungsstätte auch Produktionsort und Fokus internationaler Diskussionen. Fast ein Jahr lang lebte ich in Dessau und konnte mich intensiv mit der Geschichte des Bauhauses und seinen Meistern befassen. Das Bauhaus ist ein Begriff für das Moderne. Bereits 1993 habe ich zusammen mit Thoki Yenn und Kunihiko Kasahara, einer weiteren Koriphäe des Origami, das berühmte Gebäude in Dessau besucht. Wir waren auf der Spur des Designers Joseph Albers, der als junger Meister einen Vorkurs am Bauhaus geleitet hat, in dem die Auseinandersetzung mit Papier eine wichtige Rolle gespielt hatte. Albers war seiner Zeit voraus. Wie ausgeprägt dessen Fähigkeiten waren, beweist der humorvolle Kommentar von Thoki Yenn damals: „...und doch hat er (Albers) mein kreisförmiges hyperbolisches Paraboloid kopiert, lange bevor ich meine eigene Version davon fertig gestellt hatte... .Ich komme auch immer mehr dahinter, dass diese Designer meine Ideen schon geklaut haben, lange bevor ich überhaupt geboren war. Ich finde diese Art von Plagiat unmöglich, weil man sich dagegen nicht zur Wehr setzen kann.“


DIE NACHKRIEGSZEIT - EINE NEUE ÄRA
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine neue Phase für das Origami - die Zeit der Vereine und Organisationen. Initiiert wurde diese Entwicklung von Lillian Oppenheimer (1898-1992), die 1958 in New York das „Origami Center of America“ gründete - heute als „Origami USA“ bekannt. Dort fanden Enthusiasten der ganzen Welt eine Anlaufstelle um Modelle und Ideen auszutauschen und Bekanntschaften mit Gleichgesinnten zu knüpfen. Lillian Oppenheimer war 1967 auch maßgeblich an der Gründung der „British Origami Society“ beteiligt. Seitdem entstanden in zahlreichen Ländern Vereine, die mit ihren Aktivitäten dem Origami zu seiner heutigen Popularität verhalfen. Die moderne Papierfaltkunst in all ihrer faszinierenden Vielfalt ist das Ergebnis zahlreicher Impulse und Richtungen, die durch lebhafte Beziehungen ihrer Anhänger weltweit gefördert und verbreitet wurden. Und übrigens immer noch werden. Lange Zeit habe ich an dieser „Origami-Bewegung“ teilgenommen und sie mitgestaltet. Viele Menschen habe ich kennen gelernt. Mit ihnen habe ich nicht nur schöne und sehr lebendige Erinnerungen gemein. Wir teilen auch folgende Erkenntnis:

Falten schafft viele Entfaltungsmöglichkeiten

Paulo Mulatinho

"Please go on sharing my love for Origami, that is my most ardent wish"

Lillian Oppenheimer (1898-1992)

Foto: Lillian Oppenheimer und Paulo Mulatinho - New York 1990